Ágnes Melegné Pákozdi

Erfolgsbeispiele / Interview

József Kőrösy Berufsschule
Englischlehrerin und Koordinatorin von internationalen Schulprojekten
Ungarn
www.korosy.hu

Die József Kőrösy Berufsschule ist Teil des Berufsschulzentrums Szeged. Sie bietet Ausbildungen im Bereich Handel und Wirtschaft mit einer Dauer von vier bis sechs Jahren an. Neben der wirtschaftlichen Ausrichtung legt die Schule großen Wert auf den Fremdsprachenunterricht. Ágnes Melegné Pákozdi ist eine der Englischlehrerinnen und gleichzeitig verantwortlich für die internationalen Projekte der Schule.

Projektteam: Wie verstehen Sie persönlich den Begriff „Europäisierung“?

Ágnes Melegné Pákozdi: Ich verstehe Europäisierung als Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Unsere europäische Ausrichtung soll unsere Schülerinnen und Schüler motivieren, offen, interessiert und neugierig zu sein. Dafür sind Fremdsprachenkenntnisse absolut notwendig. Darüber hinaus ist es für unser Lehrerkollegium sehr wichtig, von den Kolleginnen und Kollegen aus dem europäischen Ausland zu lernen und sich Kenntnisse zu Lehre und Lernen aus den verschiedenen Bildungssystemen anzueignen. Unser Ziel ist es, möglichst vielen unserer Lehrerinnen und Lehrer zu ermöglichen, an unseren Mobilitätsprojekten teilzunehmen, um von den Lehr- und Lernmaterialien der Schulen im europäischen Ausland inspiriert zu werden sowie diese im eigenen Fremdsprachenunterricht einzusetzen. Bisher war dieses Lernfeld unseren Sprachlehrern vorbehalten. Jetzt beabsichtigen wir, auch dem Kollegium der allgemeinen Berufsausbildungen diese Lernerfahrung zu ermöglichen. Dadurch haben wir einen Einblick in weitere Bereiche guter Praxis der Berufsschulausbildung, der für unsere Lehr- und Lernpraxis sehr nützlich ist. Ich schätze zum Beispiel sehr die praktische Herangehensweise und die Evaluation der eigenen Leistung im deutschen Bildungssystem und habe bereits einige dieser Elemente in meine tägliche Lehrtätigkeit integriert.

Projektteam: Sie haben bereits erwähnt, dass Ihre Organisation aktiv international arbeitet. Können Sie uns erzählen, wie es dazu gekommen ist?

Ágnes Melegné Pákozdi: Unsere erste Partnerschaft haben wir 1990 mit einer Schule in der Schweiz begonnen. Seitdem arbeiten wir eng zusammen und führen jährlich drei Aktivitäten zur Förderung des Austauschs durch: Wir ermöglichen ein bis zwei Lehrerinnen bzw. Lehrern einen ganzjährigen Lehraufenthalt in der Schweiz; jeweils im ersten Schulhalbjahr organisieren wir für zwanzig ungarische Lernende einen einwöchigen Aufenthalt in der Schweiz zum Spracherwerb, und im zweiten Schulhalbjahr kommt eine Gruppe Lernender aus der Schweiz zu uns nach Ungarn. In diesen Wochen teilen wir die Lernenden in Kleingruppen ein, von denen eine Gruppe in Deutsch und die andere Gruppe in Englisch verschiedene Aufgaben bearbeitet. So stellen wir sicher, dass die Teilnehmenden beide Sprachen verbessern. Wie Sie wahrscheinlich wissen, kann die Schweiz nicht mehr am EU-Förderprogramm Erasmus+ teilnehmen. Diese Entwicklung hatte jedoch keine Auswirkung auf unsere Partnerschaft, die wir trotz dieser Herausforderung weiterhin aktiv gestalten.
Seit 2013 pflegen wir eine erfolgreiche Partnerschaft mit einer deutschen Schule in Kiel und führen gemeinsam Mobilitätsprojekte durch. Unsere Lernenden erhalten die Möglichkeit, eine dreiwöchige Ausbildungserfahrung in einem Betrieb im Ausland zu machen. Bei der Auswahl der Gastunternehmen achten wir darauf, dass sie bestmöglich zu dem Berufsprofil der Lernenden passen. Zu den Unternehmen gehören Banken, Versicherungen und Finanzabteilungen in verschiedenen Unternehmen.
Darüber hinaus haben wir seit zwei Jahren eine noch recht junge Partnerschaft mit einer deutschen Schule im sächsischen Flöha.

Projektteam: Welche EU-Förderung hat Sie bei dem Aufbau Ihrer internationalen Beziehungen unterstützt?

Ágnes Melegné Pákozdi: Inzwischen kommt uns vor allem das EU-Förderprogramm Erasmus+ zugute. In der Vergangenheit haben wir finanzielle Unterstützung durch das EU-Förderprogramm Lebenslanges Lernen „Comenius“ und „Leonardo da Vinci“ erhalten. Nachdem die Schweiz als Teilnehmer am EU-Förderprogramm Erasmus+ ausgeschlossen wurde, standen wir vor einer Herausforderung. Aufgrund der sehr guten Zusammenarbeit mit unserem Schweizer Partner waren wir fest entschlossen, die Partnerschaft aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund mussten wir nach einer Finanzierungsalternative suchen, die die Kooperation mit unserem Schweizer Partner weiterhin ermöglichte. Wir sind direkt mit Unternehmen in Kontakt getreten, um Unterstützung für unsere Lernenden zu erhalten und sie als Sponsoren zu gewinnen.

Projektteam: Was war die größte Herausforderung, der Ihre Organisation in Ihrer internationalen Arbeit gegenüberstand?

Ágnes Melegné Pákozdi: Die größte Herausforderung besteht darin, die passenden Betriebe im Ausland zu finden, in denen unsere Lernenden einen Teil ihrer Berufsausbildung durchführen können. Es ist uns sehr wichtig, genau die Betriebe zu finden, die dem beruflichen Profil unserer Lernenden entsprechen. Gleichzeitig geben wir unser Bestes, auch die persönlichen Wünsche der Lernenden zu erfüllen. So kommt es häufig vor, dass zwei Lernende als beste Freunde an einer Mobilität teilnehmen. Sie haben den Wunsch, gemeinsam an einem Ort zu leben und ihren Praxisaufenthalt im selben Betrieb zu absolvieren. In solch einem Fall setzen wir alles daran, ihre Wünsche zu erfüllen. Ich muss allerdings an dieser Stelle bemerken, dass der Unternehmensbereich leider nicht so flexibel ist, wie man es sich wünschen würde.

Projektteam: Die Herausforderungen, die Sie nennen, stehen im Zusammenhang mit Faktoren außerhalb Ihrer Organisation. Haben Sie Herausforderungen erlebt, die innerhalb Ihrer Organisation aufgetreten sind?

Ágnes Melegné Pákozdi: Ich möchte gerne betonen, dass unsere Schulleitung alle unsere internationalen Aktivitäten nach dem Umfang ihrer Möglichkeiten unterstützt. Für uns ist eine der größten Herausforderungen die passenden Projektpartner zu finden. Eine weitere Herausforderung ist es, die Bewilligung für unsere Anträge zu erhalten. Im Moment haben wir keinen professionellen Projektentwickler in unserer Organisation. Unser Ziel ist jedoch, unser Team in den Bereichen Antragstellung und Projektmanagement weiterzubilden. Offen gesagt, die Ablehnung eines Projektantrags schüchtert uns nicht ein. Wir nutzen die Antragsbewertung zu unserem Vorteil, sie dient uns als Quelle zur Verbesserung unserer Projektanträge, um beim nächsten Mal erfolgreich zu sein.
Die zweite große Herausforderung ist der Zeitfaktor. Da die Schulen in Ungarn zentral verwaltet werden, besitzen sie keine Kompetenzen in Finanzangelegenheiten. Aus diesem Grund ist es für uns nicht möglich, eine Stelle für internationale Arbeit zu schaffen, auch wenn das die ideale Lösung wäre. Stattdessen übernimmt diese Aufgaben bei uns ein hochmotiviertes Team vom Lehrerinnen und Lehrern nahezu ehrenamtlich ohne finanzielle Unterstützung.

Projektteam: Zieht Ihre Organisation die Erweiterung ihrer internationalen Aktivitäten in Betracht?

Ágnes Melegné Pákozdi: Ja, in jedem Fall. Das hat eine sehr hohe Priorität in unserer Organisation.

Projektteam: Werden Sie den Ausbau Ihrer internationalen Aktivitäten mit Ihren aktuellen Partnern umsetzen oder wollen Sie Ihre momentanen Partnerschaften um weitere Organisationen erweitern?

Ágnes Melegné Pákozdi: Unsere momentanen Partnerschaften sind sehr stark. Das heißt aber nicht, dass wir nicht nach neuen Partnern aus anderen Ländern suchen. Deshalb überprüfen wir kontinuierlich die Plattform der Tempus Stiftung (Nationalagentur in Ungarn) zur Erweiterung unserer Partnerschaften.

Projektteam: Hat Ihre Organisation eine internationale Strategie?

Ágnes Melegné Pákozdi: 2014 habe ich an einem internationalen Seminar in Helsinki teilgenommen. Ein wesentliches Thema war die Bedeutung einer Internationalisierungsstrategie. Nach unserer Heimreise von Finnland haben wir uns zusammengesetzt und unter Berücksichtigung der spezifischen Prioritäten unserer Organisation eine Internationalisierungsstrategie entwickelt.

Projektteam: In welchem Bereich Ihrer Organisation haben Sie die positive Wirkung der Europäisierung am deutlichsten erfahren?

Ágnes Melegné Pákozdi: Im Rahmen unserer europäischen Projekte haben wir viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Mit Bildmaterial, auf Webseiten und auf diversen Veranstaltungen haben wir auf uns aufmerksam gemacht. Das hat schließlich dazu geführt, dass man unsere Schule mit internationalen Aktivitäten in Verbindung bringt. Viele Lernende entscheiden sich für unsere Schule, weil wir ihnen die Möglichkeit bieten, an Mobilitätsprojekten im Ausland teilzunehmen. Ein wesentlicher Gewinn ist, dass unsere internationalen Aktivitäten den Ruf unserer Schule beträchtlich erhöht haben.

Projektteam: Wo sehen Sie die europäische Arbeit Ihrer Organisation in der Zukunft?

Ágnes Melegné Pákozdi: Ich bin davon überzeugt, dass wir uns weiterhin aktiv an europäischen Projekten beteiligen. Da unsere Partner momentan alle aus deutschsprachigen Ländern stammen, würden wir uns sehr freuen, Partnerschaften mit Organisationen aus nicht deutschsprachigen Ländern aufzubauen.

Projektteam: Welchen Rat geben Sie Organisationen, damit ihnen ihr Europäisierungs- oder Internationalisierungsprozess besser gelingt?

Ágnes Melegné Pákozdi: Ich bin mir sicher, dass Offenheit der Schlüssel für eine erfolgreiche Internationalisierung ist. Viele Organisationen haben Angst davor, international zu arbeiten. Darüber hinaus erfordert internationale Arbeit ein hohes Maß an Zeit und Energie. Und offen gesagt, Sie müssen einiges an Geld investieren, da finanzielle Unterstützung nur für bestimmte Aktivitäten der internationalen Arbeit zur Verfügung steht. Zudem ist die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wichtig und es ist entscheidend, dass Erziehungsberechtigte und Sponsoren gut und regelmäßig informiert werden. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung kann ich jedoch sagen: Was Sie auch immer an Energie und Zeit in internationale Arbeit investieren, diese Investition kommt Ihrer Organisation auf lange Sicht in jedem Fall zugute.